Dominik Abt, Wanderleiter mit eidg. FA
Eine Regen-Sintflut geht in der ersten Nacht unserer Naturreise über Marangu nieder. Ich sitze in der Bar im Hotel fest. Bestelle noch einen Konyagi-Tonic. Der Regen kommt in Wellen. Abrupt endet der Weltuntergang. Ich renne los. Und schaffe es knapp nicht bis ins Zimmer. Die schweren Tropfen hämmern wie afrikanische Stammestrommeln aufs Wellblechdach. Irgendwann schlafe ich trotz der an- und abschwellenden Wassermusik ein. Erwache mehrmals. Jedes Mal versinkt Marangu in den Fluten.
Am nächsten Morgen scheint strahlend die Sonne. Ich sitze mit einer Tasse African Coffee auf der Treppe vor dem Hotel. Einheimische wandern die Strasse entlang hinunter zum Markt. Eine junge Frau läuft mit ihrem Kind im Wickeltuch auf dem Rücken, einen Kessel gefüllt mit Kochbananen auf dem Kopf balancierend, die nasse Strasse hinab. Sie ist in einen farbigen Kanga gekleidet und telefoniert mit dem Handy am Ohr. Tradition und Moderne. Es sind diese Momente, in denen Afrika seine unvergessliche, magische Atmosphäre versprüht.
Nach dem Dorfspaziergang besuchen wir das Aktivferien-Farmhaus. Everest, unser Mann in Marangu, erzählt uns mit Herzblut von der Farm, dem Gemüse, das hier für die Kilimanjarogruppen angepflanzt wird, und den sozialen Projekten, die Aktivferien umsetzt. Auf dem lokalen Markt handeln wir drei Tücher bei Mama Africa auf einen vernünftigen Preis herunter. Sie lacht und posiert für ein Foto mit ihren Kundinnen. Wir vermuten, ein noch besserer Preis wäre möglich gewesen. Aber alle vier Frauen sind glücklich, also alles Hakuna matata (kein Problem). Die Falten im Gesicht der alten Bibi, der Grossmama, graben sich vor Lachen noch tiefer in ihr herrlich runzeliges Gesicht ein, als sie mir hilft, einen Strunk Kochbananen auf den Kopf zu hieven. Es braucht echt Rückgrat, um die Bananen oben zu balancieren, geschweige denn, damit kilometerweit zum Markt zu laufen.
Im Regenwald bei Mantelaffen und Bimis
«Der Kilimanjaro ist heute wie ein scheues Mädchen, das sein Gesicht verhüllt», scherzt Mossa, einer unserer lokalen Guides. Der Kilimanjaro verbirgt sich unter einer dicken Wolkendecke, als wir hoch zum Eingangstor fahren. Wir wandern durch den Nebelschleier und bestaunen die Vielfalt an Pflanzen und Grüntönen im Regenwald. Entdecken im Geäst die Diademmeerkatzen und die seltenen schwarz-weissen Mantelaffen. Bald schon blinzelt auch die Sonne durchs feuchte Blätter- und Äste-Wirrwarr. Gleich hinter den Mandarahütten, auf 2720 Metern, finden wir auch die «Bimis», die murmeltierähnlichen Baumschliffer, auf den Bäumen sitzend. Eines der possierlichen Tiere frisst sich vor unseren Augen auf einem Busch den Bauch voll. Als wir im Bus wieder zur Lodge hinunterfahren, zeigt sich der Kilimanjaro ganz ohne Scheu, fast wolkenfrei. Unsere vier jungen Guides rocken den Bus auf der Weiterfahrt mit ihren Gesängen.
Wenn Geduld drei Löwenbabies gebärt
Bereits bei der Einfahrt in den Tarangire Nationalpark entdecken wir ein prächtiges Löwenmännchen unter einem mächtigen Affenbrotbaum. Schlafend natürlich. Am nächsten Tag auf der Pirschfahrt beobachten wir eine schlafende Löwin. Unser geduldiges Warten wird belohnt. Sie dreht sich nach einer Weile um, und drei Löwenbabys kraxeln über ihre Mama hinweg und beginnen zu säugen. Von hinten nähert sich eine Elefantenherde unseren Jeeps und will wohl ebenfalls unter «unserer» Akazie den Schatten geniessen. Die Leitkuh beäugt uns eine Weile lang neugierig aus nächster Nähe und trottet dann mit ihrer Sippe durch die Savanne weiter und davon. Adam, einer unserer Fahrerguides, ruft, und wir drehen uns wieder zur Löwin und ihren Babys um. Ein stolzer König der Löwen mit prächtiger Mähne, wandert gemächlich das trockene Flussbett entlang und legt sich unterhalb der Löwin in den Schatten. Etwas weiter entfernt entdecken wir den ebenso stolzen Bruder des Löwen. Auch er äugt uns von seinem schattigen Versteck unter einem Busch schläfrig an. Den hübschen Serval entdeckt Monika auf der Abendpirschfahrt und Kathrin fotografiert ihn perfekt. Erneut kommen wir mit wunderschönen Anblicken und Fotos zurück in die Lodge. Wo meine tansanische Dada (Schwester) Stella uns am Lagerfeuer ein Lied von Engeln und Liebe singt. Wunderschön!
Wie die Serengeti Wünsche erfüllt
«Margrit, erzähl Du die Geschichte, mir glaubt sie ja sowieso niemand», sage ich, als wir beim Sundowner vor den Zelten in der Serengeti sitzen. Margrit steht auf und erzählt: «Also, ich frage Dominik auf der Pirschfahrt, wann dann nun dieser Baum mit den Löwen in den Ästen komme, den ich am Infoabend im Diavortrag gesehen habe. Und Dominik fängt an zu erklären, dass das eine sehr seltene und glückliche Beobachtung und eher im Tarangire-Nationalpark möglich sei. Und schon rumpelte es und unser Fahrerguide biegt zu einem alleinstehenden Leberwurstbaum ab. Wir entdecken die katzenartige Gestalt in der Astgabel im Gegenlicht und Dominik vermutet einen Leoparden. Doch je näher wir zum Baum kommen, umso grösser wird der Leopard und wird schliesslich zu einer Löwin, die von ihrem Aussichtspunkt in der Baumstammverzweigung in die Savanne hinaus späht. Genauso, wie ich das Bild im Kopf hatte. Und das nur ein paar wenige Minuten, nachdem ich gefragt hatte», erzählt Margrit lachend. Etwas später entdecken wir in der Nähe des Löwinnenbaumes eine weitere Löwin, welche ein zu drei Vierteln aufgefressenes Zebra zu sechs Jungen schleppt. Wir folgen der Löwenkinderschar und parken die Jeeps erneut unter dem Leberwurstbaum, wo nun drei Löwinnen auf den Ästen über uns liegen. Die Löwenkinder spielen Versteckis rund um den Baum und in der Baumhöhle am Boden. «Diese Bilder werden meine Enkelkinder freuen», sagt Margrit, fotografiert und lacht und fotografiert und lacht.
Zwei Millionen Tiere auf der Grossen Tierwanderung
Auf der Weiterfahrt kreuzen wir eine grosse Herde Zebras und Gnus. Die Herden sind auf dem Rückweg in den südlichen Teil der Serengeti, ins Gebiet von Ndutu. Dort werden sie im Januar/Februar mehrere hunderttausend Kälber zur Welt bringen. Um dann alsbald dem Rhythmus der Regenfälle und dem frischen Gras Richtung Norden, Richtung Massai Mara, zu folgen. Voraus wandern die Zebras, welche das hohe Gras fressen und die lauernden Raubtiere erspähen. Dahinter folgen die Gnus, welche das frisch gewachsene Gras fressen, gefolgt von Gazellenarten wie Thompson und Grant, welche hintendrein das zarte, frisch knospende Gras lieben. Um die zwei Millionen Tiere, bis 300‘000 Zebras, rund 1,5, Mio. Gnus und hunderttausende Gazellen, nehmen an dieser uralten, jährlichen Wanderung teil. Es ist die grösste Tierwanderung und eines der spektakulärsten Naturereignisse auf der Erde. Doch der Weg ist gefährlich. Raubtiere wie Löwen und Hyänen lauern, und an den Flussüberquerungen fordern Strömungen und Krokodile ihren Tribut. Dennoch zwingt der ewige Kreislauf von Wasser, Wachstum und Dürre die Herden immer weiter. Diese Wanderung hält das Ökosystem im Gleichgewicht: Sie verteilt Nährstoffe, formt die Landschaft und sichert das Überleben unzähliger Arten.
Lucky, lucky and very lucky
Als wir auf dem Weg von unserem letzten Camp zum Flugfeld in der Serengeti fahren, entdecken wir zum Abschied eine letzte Löwin (womit wir insgesamt 43 Löwen und Löwinnen gesehen haben), beobachten eine 30-köpfige Elefantenherde auf ihrer Wanderung durch die Savanne und entdecken unseren sechsten (!) Serval. Wir hatten Glück und haben alle Big Five auf unserer Safari entdeckt: grosse Büffelherden, fünf Nashörner (zugegeben, im Feldstecher), zwei Leoparden (im Baum und auf dem Boden), zwei Geparden (einmal hinter Gestrüpp und einmal herrlich schön unter einem Baum) sowie immer wieder mächtige Elefantenbullen und viele Elefantenherden. Die drei Grosskatzen Löwe, Gepard und Leopard, haben wir sogar alle innerhalb einer Stunde entdeckt. Was uns, wie Godson, unser Fahrerguide, erklärt, zur lucky, lucky and very lucky Gruppe macht. Auch die Ugly Five (die Hässlichen Fünf) haben wir alle entdeckt: Gnu, Hyäne, Marabustorch, Geier und Warzenschwein. Und wer hätte es gedacht, am schwierigsten zu entdecken waren auf dieser Reise die Little Five (die Kleinen Fünf): Den Büffelwebervogel und Ameisenlöwen haben wir gesehen. Noch fehlen uns die Leopardenschildkröte, der Nashornkäfer und die Elefantenspitzmaus. Aber die Safari ist noch nicht beendet! Vielleicht entdecken wir auf dem Gelände des Resorts am Indischen Ozean, wo wir unsere letzten Tage mit Entspannung und Baden verbringen, noch den Nashornkäfer oder die Elefantenspitzmaus. Letztere habe ich auf früheren Reisen auf dem Rückweg ins Zimmer auf Sansibar entdeckt. Und tatsächlich: Kathrin und Simon sichten die Elefantenspitzmaus am Abschlussabend auf dem Gelände des Resorts! Lucky halt, schon wieder!
