18. Oktober 2025

Safariglück am ersten Tag
Ben, der Fahrer und Naturführer unseres Jeeps, beugt sich zu mir hinüber und flüstert: «Wir versuchen, Euch etwas Hübsches zu zeigen.» Ich nicke und habe da so eine Ahnung, will es aber nicht verschreien. Wir holpern durch die Savanne im Mikumi-Nationalpark und die «Gratis-Afrika-Massage» massiert unsere Rückenwirbel gegen die gepolsterten Sitze. Bei einem freistehenden Baum mitten in der sonnendurchfluteten Savanne werden wir fündig. Erst sehen wir nur die schwarze Silhouette im Gegenlicht. Doch die kleine Gestalt, der runde Kopf mit den Ohren und der Sitzplatz auf dem Baum sind eindeutig: Dort schaut ein Leopard auf uns herunter. So viel Glück, bereits am ersten Safaritag! Der Leopard räkelt sich und äugt ab und zu neugierig zu uns hinunter, dann von seinem Aussichtspunkt aus wieder hinaus in die unendlich weite Savanne nach Beute. Sein voller Bauch deutet jedoch auf eine kürzliche Mahlzeit oder eine Schwangerschaft hin. Der in der Nähe grasende Buschbock interessiert ihn jedenfalls nicht. Wir sind fasziniert und glücklich und können das prächtige Tier von allen Seiten fotografieren. Es ist unser zweiter grosser Glücksmoment an diesem Tag, bereits vorher konnten wir eine Löwenfamilie beobachten, die sich an einem erlegten Büffel satt frass. Als dann noch ein Löwenbaby zwischen unseren beiden Jeeps durchtappt, sich zu den Löwinnen am Kadaver gesellt und anfängt, am Ohr des toten Büffels zu knabbern, drücken wir die Auslöser unserer Kameras erneut und fangen diese wundervollen Bilder ein.
Wo ist der Affenbrotbaum?
«Welcher Affenbrotbaum?», höre ich Abby unseren Fahrer im Ruaha-Nationalpark, seinen Freund am anderen Ende des Handygesprächs fragen. Gar nicht so einfach, stehen doch etliche der Baobab-Bäume mit ihren zurzeit noch kahlen Ästen in den weisswolkig-blauen Himmel ragend auf der weiten Ebene verstreut. Doch unsere Fahrer und Guides geben nicht auf. Wir holpern suchend über die ausgetrocknete, rissige Erde, über die goldgelben Savannengrasbüschel und durch mannshohes Buschwerk. «Achtung Buschtattoo», warnt Abby und steuert den Landrover durchs Gestrüpp auf einen nächsten Affenbrotbaum zu. Und tatsächlich, in der Nähe des Baobas unter einer Akazie liegt eine Löwenfamilie mit Mamas, Papa und Jungtieren und döst im Schatten.
Auch im Rufiji-Nationalpark werden wir fündig. Fünf Löwinnen liegen im Schatten, öffnen kurz die Augen, schauen uns neugierig an und legen den Kopf wieder auf ihre Vorderpfoten und tun, was Löwen halt in ihrem Leben oft so tun: sie leuen. Auf dem Rückweg finden wir auch den zur Sippe gehörigen König der Tiere, das Löwenmännchen, ebenfalls dösend unter einer Akazie. «Frisch vom Coiffeur», lacht unser Fahrer Babu und zeigt uns, dass der Löwe unter der gestutzten Mähne ein Senderhalsband trägt.
Tiere von Affen bis Zebras
Unsere Safaritage waren äusserst erfolgreich, nicht nur wegen des Glücks der Leoparden- und Löwenbeobachtungen, der verschiedenen Ökosysteme, der faszinierenden Affenbrotbäume, der faszinierende Tierwelt von Affen und Antilopen, über Büffel, Elefanten, Flusspferde, Gazellen, Giraffen, Gnus, Krokodile, Vögel bis hin zu den Zebras. Und den seltenen Wildhunden, die sich am gegenüberliegenden Ufer des Rufijiflusses im Ruaha-Camp beim Morgenessen tummelten. Bilder und Erlebnisse, die noch lange nachhallen und viele davon ein Leben lang als wunderschöne Erinnerungen gespeichert bleiben.
Auf Fusssafari und zum Wasserfall
Mit unseren Naturführern und einem bewaffneten Ranger an der Spitze und am Ende unserer kleinen Wanderherde sind wir auch zu Fuss in der Savanne unterwegs. Immer wieder halten wir an und lassen uns über Tierlosungen, Knochen, Trittsiegel, die Heilwirkung von Blättern, Rinde und Wurzeln der vielen Bäume und Sträucher aufklären. So erfahren wir nebst viel anderem, wie das Innenleben eines Termitenhügels funktioniert, welche Pflanzen gegen Bauchweh helfen (fast alle), wieso der Elefant eigentlich ein Landschaftsgärtner ist und wieso die Impalas immer an demselben Ort ihre Notdurft verrichten. Eine der Fusswanderungen führt uns hinauf zum 170 Meter hohen, dreiteiligen Udzungwa-Wasserfall. Nach zweieinhalb Stunden stehen wir verschwitzt und zufrieden oben, wissen, wie das Buschtelefon vor Handys und Internet funktioniert hat, welche Früchte uns betrunken machen und welche getrockneten Blätter gerollt und geraucht werden können und dabei zwei- bis dreimal stärker einfahren als Cannabis. Fast alle stürzen sich ins kühle, erfrischende Nass im grossen Pool unter dem obersten Wasserfall.
Massaiunterricht am Lagerfeuer
Wir sitzen mit einem kühlen Glas Weisswein oder Bier am knisternden Lagerfeuer am Rufijifluss. Durch die Dunkelheit nähert sich der Massai Julius und will wissen, was wir alles auf der Pirschfahrt gesehen haben. Wir erzählen ihm von unseren Beobachtungen und er erklärt uns, wieso welche Tiere zusammenleben – welche Symbiosen sie verbinden. Auch unsererseits stellen wir Fragen an Julius: Wie viele Frauen, wie viele Kinder, wie viele Kühe, Geissen, Schafe, wie alt bist du und bist du noch ein Krieger oder schon ein weiser alter Mann? Eine Frau, zwei Kinder, Junge und Mädchen, 20 Kühe, 40 Schafe und Ziegen, 37 Jahre alt und somit noch immer ein Krieger. Auch am zweiten Abend gesellt sich Julius zu uns und beantwortet unsere Fragen. Ich staune darüber, wie gut er Englisch gelernt hat, seit unserer ersten Begegnung vor einigen Jahren, und die Gäste staunen, wie viel Wissen in dem kleinen, lächelnden Mann steckt. Was seine Kinder einmal werden sollen, wollen wir wissen. «Rechtsanwälte», antwortet er, ohne lange zu überlegen und voller Überzeugung. Als er unsere fragenden Gesichter sieht, lacht Julius und erklärt: «Es gibt viele Probleme und Konflikte, mit denen die Massai heute und in Zukunft umgehen müssen. Da wäre es gut, wenn meine Kinder sich für unsere Rechte einsetzen könnten.»
Von Krokodilen, Flusspferden und bunten Vögeln
Von der Rufiji-Riverlodge aus gehen wir zweimal auf Bootsafari. Geschickt steuern Isaac und Omary die beiden Flachboote zwischen Sandbänken, Seitenarmen, Treibholz, Krokodilen und Flusspferden hindurch. Immer wieder rutscht ein Krokodil über die Sandbank ins seichte Wasser, als wir uns nähern. Flusspferde schauen uns aus neugierigen Augen an, wackeln kurz mit ihren kleinen Ohren und tauchen dann gemütlich ab, um etwas später wieder aufzutauchen. Auf den Bäumen sitzt ab und zu ein Afrikanischer Fischadler und in den Zweigen am Ufer bauen Goldwebervögel ihre kunstvoll geflochtenen Nester. Auf den Ästen am Ufer entdecken wir farbige Eisvögel oder Bienenfresser. Reiher, Störche und Limikolen waten durch den Schlick des Flusses. Der Sonnenuntergang, auf welchen wir mit einem kühlen Drink in der Hand am Flussufer warten, findet der vielen Wolken wegen nicht statt. Dafür taucht die Sonne, als wir am nächsten Tag von der Pirschfahrt zurück ins Camp fahren, als blutrote Scheibe hinter dem Ästegewirr über dem Rufijiriver ab.
Ein Lügner im Mufindi-Hochland
Die Safaritage unterbrechen wir mit einem kühlen Abstecher zur Foxfarm im Mufindi-Hochland zu Pferden, Teeplantagen, Seen und Regenwaldwanderung. Daudi, unser Wanderleiter, lacht, springt, hüpft und tanzt wie ein afrikanischer Derwisch vor uns her und führt uns über die Foxfarm und den Wanderweg. Als Geoff Fox eine seiner spannenden Geschichten erzählt und die Rolle von Vicky, seiner Frau, in den Vordergrund drängt, hebt Vicky plötzlich den Kopf und nennt ihren Mann lächelnd einen Lügner. Auch wir lachen. Die zwei haben viel erlebt in Tansania, und so lauschen wir den unterhaltsamen Storys der beiden Senioren nach dem Mittagessen. Auf dem Rückweg zum Flugfeld besuchen wir das von der Foxfamilie gegründete Kinderdorf mit zurzeit 107 Schülern und Waisenkindern.
Beachdinner auf Lazy Lagoon
Die letzte Lodge auf unserer Reise befindet sich am Ende einer langgezogenen Landzunge, die in den Indischen Ozean herausragt. Die Bungalows führen direkt auf den weissen, neun Kilometer langen Sandstrand und das Meer hinaus. Wir besuchen mit dem Boot die ehemalige deutsch-ostafrikanische Hauptstadt Bagamoyo, ein Fischerdorf, in dem glorreiche Vergangenheit und viel Geschichte auf Zukunft und Hoffnung prallen. Am Strand werden die Fischerboote von Hand restauriert. Auf dem Fischmarkt wird der Tagesfang auktioniert und verkauft. In den Gassen arbeiten Näherinnen, und bei den Holzschnitzern entdecken wir ein komplettes handgeschnitztes Set für die Weihnachtskrippe. Mit Maria, Josef, Christuskind, Esel, Rind, Schafe bis hin zu den drei Königen. Weihnachten ist bald.
Beim Apero am Abend versinkt die Sonne blutrot hinter der Küstenlinie. Wir vergraben die Zehen im warmen Sand und geniessen ein leckeres letztes Abendessen direkt auf dem Sandstrand. Sanft wiegt uns das Rauschen der Brandung in den Schlaf und in die Träume: Und schon bin ich wieder unterwegs in der heissen Savanne: bei Löwen, Leoparden, Giraffen, Zebras, Flusspferden, Adlern …
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